Die Parabel von der Pipeline
Vor einigen hundert Jahren versiegte der Dorfbrunnen eines
italienischen Dorfes am Fuße der Abruzzen.
Pablo und Bruno, zwei starke, junge Männer, erhielten vom
Dorfältesten den gut bezahlten Auftrag, Quellwasser vom Berg
ins Dorf zu bringen.
Nach wenigen Tagen meinte Pablo, dass sein Körper durch diese
stupide Tätigkeit zu stark beansprucht wird. Bruno sah das anders.
Er war froh, dieses Geld zu verdienen. Viele würden sie um diesen
Job beneiden.
Eines Abends machte Pablo Bruno einen Vorschlag: „Du, lass‘ uns
eine Leitung bauen, die das Quellwasser direkt ins Dorf bringt."
„Quatsch, wann wollen wir das machen? Etwa nach Feierabend?"
Pablo nickte und wollte Bruno seinen Plan erklären. Doch dieser
hielt das für eine Spinnerei und Pablo trotzte zurück: „Dann mach‘
ich es eben alleine?"
Er besorgte sich vom verdienten Lohn entsprechendes Gerät und
begann am folgenden Tag mit der Arbeit. Es war mühseliger als er
es sich gedacht hatte. Bruno suchte nach der Wasserträgerei das
Wirtshaus im Dorf auf, ließ sich feiern und schmiss großzügig
Trinkrunden. Über Pablo lachten sie nur: „So bescheuert kann man
doch gar nicht sein. Tagsüber Eimer schleppen und abends eine
Leitung bauen."
Ein Jahr ging ins Land. Beiden machte die Arbeit sehr zu schaffen.
Bruno schleppte sich immer gebückter ins Gasthaus. Auch Pablo
sah man die Last an, doch seine Vision gab ihm genügend Kraft.
Auch kam er immer schneller voran. Die Hälfte der Strecke hatte
er schon gebaut. Nun kam ihm das Wasser bereits ein gutes Stück
entgegen. Die Zeit für‘s Tragen wurde weniger, die Zeit zum Bauen
der Leitung nahm dagegen zu.
Nach wenigen Monaten war es dann soweit. Die Wasserleitung war
ans Dorf angebunden. Die Menschen versammelten sich, staunten,
lachten und tanzten vor Freude.
Nun war Pablo der Held. „Ein Mann mit Weitsicht!" „Einer mit unbeirr-
barem Durchhaltevermögen." „Er soll unser Bürgermeister werden."
Alle waren voll des Lobes. Nur Bruno brummte verbittert: „Und jetzt
verdient er, ohne etwas zu tun..." Darauf hin sprach eine junge Frau
das aus, was viele dachten: „Du hattest die gleiche Chance. Nur du
warst dir dafür zu schade."
Einige Tage später, Pablo konnte es kaum mit ansehen wie Bruno,
der nun keine Arbeit mehr hatte, zum Gespött der Mitmenschen
wurde. „Bruno", sagte er zu ihm, „wir waren doch dicke Freunde.
Ich kann und will nicht zeitlebens hier neben der Leitung sitzen und
die Silberlinge zählen. Ich habe eine neue Vision."
Bruno war unsicher, als er Pablos Vorschlag hörte.
„Lass uns ins Land gehen und den Menschen anderer Dörfer lehren,
wie sie eine solche Leitung bauen. Wie sie ihre Familien mit Wasser
versorgen, ihre Wiesen bewässern. Ich habe nun alle Erfahrung, habe
die Baupläne und kann dieses Wissen weitergeben. Bitte Bruno,
begleite mich."
Nach anfänglichem Zögern schlug Bruno ein. Dann machten sie sich
auf den Weg. Überall wurden Leitungen gebaut. Pablo und Bruno
erhielten einen kleinen Obolus aus jedem Liter, der in die Dörfer floss.
Auch als sie längst nicht mehr arbeiteten, erhielten sie ein
regelmäßiges Einkommen: Einen passiven Verdienst.
Nach einer Geschichte aus dem Buch: „Die Parabel von der Pipeline"
von Burke Hedges.
Der Weg zum Erfolg wird oft von Steinen besäumt!
